Geschichte der modernen
Rhinoplastik
1898 operierte der damals 33-jährige Arzt Jacques Joseph
die Nase eines jungen Mannes, der in unerträglicher Weise
an Größe und Form seines Riechorgans litt. Schon früher
hatte man versucht, Großnasen operativ zu verkleinern;
mit nur geringem oder mäßigem Erfolg, während Josephs
Operationsergebnis sowohl den Patienten überglücklich
machte, als auch den Beginn einer beispiellosen Karriere
markierte: Joseph wurde zum Begründer der modernen
ästhetischen Nasenchirurgie.
Prof. Jacques Joseph
Zum Zeitpunkt des Eingriffs arbeitete Dr. Joseph als
Allgemeinarzt in Berlin. Er besaß keinerlei Erfahrung in
der Nasenchirurgie, d.h. er hatte überhaupt noch nie eine
Nase operiert. Seine Ausbildung an der Chirurgischen
Orthopädischen Universitätsklinik Berlin hatte er 1896
nach 4-jähriger Tätigkeit wegen einer eigenmächtig
durchgeführten Ohranlegeplastik beenden müssen, die
ebenfalls eine Pionierleistung darstellte.
Die zunächst gewählte offene Technik (keine Ähnlichkeit
mit der heute beliebten offenen Rhinoplastik), mit der er
etwa fünfzig Patienten operierte, ersetzte er 1904 durch
die selbst entwickelte geschlossene Rhinoplastik, bei der
alle Zugangsschnitte im Naseninneren erfolgen und keine
äußeren Narben zurückbleiben.
Josephs Leidenschaft für kosmetische und
wiederherstellende Operationen erklärt sich zum einen aus
der chirurgischen Herausforderung, die diese Eingriffe
für einen geschickten, einfallsreichen und wagemutigen
Operateur darstellten, zum anderen aus einem offenbar
familiär vorhandenen sicheren ästhetischen Formgespür -
ein älterer Bruder war Professor für Architektur - und
nicht zuletzt aus seinem ärztlichem Mitgefühl (viele der
Patienten waren in ihrem Selbstwertempfinden schwer
gestört, kontaktarm und scheu oder beruflich
beeinträchtigt durch ihr Karikatur-ähnliches
Aussehen).
In den 10 Jahren bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs
(1914) verbesserte er seine Operationstechnik, entwarf
eigene Instrumente, die z. T. heute noch hergestellt
werden und zur Grundausrüstung jedes Nasenchirurgen
gehören. Er wagte sich an schwierigste Nasendeformitäten
bis hin zur Rekonstruktion totaler Nasendefekte, die er
mit Stirnhautlappen, Schienbeinknochen und
Ohrmuschelknorpel wiederaufbaute. Das ganze Gesicht wurde
zu seinem Arbeitsfeld und das Spezialgebiet der
plastischen Gesichtschirurgie war geboren.
Als während des 1. Weltkrieges tausende verkrüppelter und
entstellter Soldaten von den Schlachtfeldern Europas in
die Heimat zurückkehrten, war ärztliche Hilfe das Gebot
der Stunde. Zur Weiterversorgung schwerer
Gesichtsverletzungen richtete die Berliner Charite´ eine
eigene Abteilung für plastische Gesichtschirurgie ein,
die der Nasen- und Ohren- Klinik angeschlossen war. Zum
Leiter wurde Dr. Jacques Joseph berufen. Diese kleine,
überaus erfolgreiche, chirurgische Einheit blieb bis über
das Kriegsende (1918) hinaus bestehen. Schon vor ihrer
Auflösung 1922 erhielt Dr. Joseph in Anerkennung seiner
Leistungen den Professorentitel verliehen. Zu dieser Zeit
war er einer der erfahrensten plastischen
Gesichtschirurgen der Welt und der einzige, der die Kunst
der ästhetischen Nasenplastik beherrschte.
Das Nachkriegs-Deutschland der zwanziger Jahre war völlig
aus den Fugen geraten: politisch instabil, wirtschaftlich
am Boden mit hoher Arbeitslosigkeit und galoppierender
Geldentwertung. Kaum einem stand der Sinn nach
Schönheitsoperationen. Während die Fähigkeiten Josephs im
eigenen Land auf wenig Interesse stießen, reisten die
Wohlhabenden und Reichen von weither nach Berlin, um sich
vom deutschen Professor verschönern zu lassen. Besonders
hoch im Kurs standen Nasenoperationen, aber auch
Kinnaufbau mit Elfenbeinstäben und Facelifts waren
gefragt. Je nach Geldbeutel wurden z. T. astronomische
Summen verlangt und in Dollar bezahlt. Neben Patienten
kamen auch Ärzte aus aller Herren Länder , um die neuen
Operationstechniken an Ort und Stelle (oder "vor Ort" wie
man heute viel treffender sagt) zu erlernen.
Vier Gast-Chirurgen sind besonders zu erwähnen: Gustave
Aufricht, Joseph Safian, Samuel Fomon und Jacques
Maliniak. Aufricht,
aus Ungarn stammend, heftete sich eineinhalb Jahre an
Josephs Fersen. Als Beobachter geduldet, assistierte er
keine einzige Operation, gewann aber hervorragende
Einblicke in Josephs Arbeit und ließ sich kurz darauf
(1924) als Plastischer Chirurg in New York City nieder.
Safian, ehemaliger
US-Army Chirurg, blieb nur wenige Monate und belegte in
dieser Zeit zwei Kurse: den 10-tägigen Operationskurs,
bei dem vier bis fünf Ärzte in gebührender Entfernung,
einer Nasenoperation beiwohnten, ohne Zwischenfragen
stellen zu dürfen und ohne etwas Aufschlußreiches
erkennen zu können, sowie den anatomisch-chirurgischen
Kurs an Leichennasen von gleicher Dauer und mit gleicher
Teilnehmerzahl. Safian bezahlte jedoch für vier und genoß
10 Tage lang Alleinunterricht. Ausgestattet mit diesem
Basiswissen und einem Säckchen voller Elfenbeinstücke zur
Herstellung von Kinn- und Nasen-Implantaten, kehrte er in
die USA zurück, eröffnete ebenfalls in New York eine sehr
erfolgreiche plastisch-chirurgische Praxis und gab später
ein Buch über die Technik der Nasenoperation heraus
(Corrective Rhinoplastic Surgery). Maliniak, ein Chirurg aus Polen,
der in der russischen Armee gedient hatte, ließ sich nach
seiner Lehrzeit bei Joseph auch in New York nieder und
gründete 1931 gemeinsam mit Aufricht die American Society
of Plastic and Reconstructive Surgeons. Fomon kam erst 1930 nach Berlin,
beeinflusste die Entwicklung der kosmetischen
Nasenchirurgie in den USA vermutlich nachhaltiger als die
anderen: er veranstaltete Kurse über die Josephschen
Operationsmethoden und vermittelte das in Berlin
gewonnene Wissen an insgesamt 750 amerikanische Ärzte,
darunter Maurice Cottle aus Chicago, nach dem die
heute übliche Technik der Nasenscheidewandoperation
benannt ist und Irving Goldman aus New York, dem späteren
Chef der HNO-Abteilung im Mt. Sinai Hospital (New York),
dessen "Goldman-Technik" zur Verschmälerung unförmiger
Nasenspitzen auch jetzt noch bei Kongressen zu lebhaften
Diskussionen führen kann.
Während die in drei Jahrzehnten gesammelten Erfahrungen
Josephs in den USA begeistert aufgenommen wurden und
reichlich Früchte trugen, verlor die kosmetische
Chirurgie nach Josephs Tod 1934 im eigenen Land an
Bedeutung. Es gab damals in Deutschland wichtigeres zu
tun. Das über 800 Seiten starke Lehrbuch "Nasenplastik
und sonstige Gesichtsplastik nebst Mammaplastik", an dem
Joseph viele Jahre gearbeitet hatte und das 1931
erschien, ist sein Vermächtnis und ein Dokument seines
unglaublichen Einfallsreichtums und handwerklichen
Geschicks. Es wurde nicht ins Englische übersetzt und
blieb deshalb einem kleinen Kreis vorbehalten.
Wie viele andere hervorragende, deutsche Künstler,
Wissenschaftler und Ärzte war auch Joseph Jude und mußte
nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten
tatenlos dem Untergang seiner Welt zusehen, er starb 1934
an gebrochenem Herzen. Seine Frau verließ Deutschland und
gelangte auf Umwegen in die USA. 1957 wurde sie als
Ehrengast zum Jahres-Bankett der American Society of
Plastic and Reconstructive Surgeons nach San Francisco
eingeladen.
In Windeseile hatten sich die USA in den dreißiger und
vierziger Jahren zum Mekka der kosmetischen Chirurgie
entwickelt. Eine zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz
der Schönheitsoperationen entfachte in den Sixties einen
Operations-Boom in der Neuen Welt. Die Verschönerungswut
brach aus. Nasenoperationen spielten dabei eine führende
Rolle und wurden in ihrer zahlenmäßigen Bedeutung erst in
den Achtzigern von Lidkorrekturen, Brustvergrößerungen,
Face-Lifts und Fettabsaugungen abgelöst. Gleichzeitig
entbrannte damals ein erbitterter Streit zwischen den
Chirurgen (American Society of Plastic and Reconstructive
Surgery) und den HNO-Ärzten (American Academy of Facial
Plastic and Reconstructive Surgery) um die Zuständigkeit
und Kompetenz bei Nasenoperationen. Gerichte wurden
angerufen und Verleumdungskampagnen gestartet. Bis heute
gibt es keinen Sieger, dafür aber in unserem eigenen Land
begeisterte Nachahmer dieses Gerangels und mit der
üblichen Verspätung wird alles im Kleinformat noch einmal
durchgespielt .
Mittlerweile arbeiten weltweit ungezählte Plastische
Chirurgen und HNO-Ärzte mit unterschied-lichster Begabung
und Ausbildung auf dem Spezialgebiet der Nasenkorrektur.
In Osteuropa, der Türkei, im Iran und einigen arabischen
Ländern entstehen "Neue Märkte", während in vielen
Ländern Lateinamerikas die kosmetische Nasenchirurgie
seit Jahrzehnten fest etabliert ist. Aber immer noch
reiten die US-Amerikaner dem Feld voran.
Hier einige große Namen aus der Spitzengruppe der
Nasenchirurgie der letzten vierzig Jahre: John Converse, Richard Farrior, Rudolph Meyer (Schweiz), Walter Berman, George Brennan, Ralph Millard, Eugene Tardy,
Ivo Pitanguy (Brasilien), Tony Bull (England), Thomas Rees, Fernando
Ortiz-Monasterio (Mexiko), George Peck, Claus Walter
(Deutschland), Jack Sheen,
Nicolas Tabbal, Daniel Baker. Die jüngere Garde
ist nicht erwähnt. Der geniale Jack Sheen setzte mit seiner
zweibändigen Operationslehre "Aesthetic Rhinoplasty" neue
Qualitäts-maßstäbe für Planung und Durchführung einer
Nasenoperation, für fotografische Darstellung der
Ergebnisse, für Didaktik und Stil. Dieser Klassiker aus
den Achtzigern ist heute noch hochaktuell.
100 Jahre Rhinoplastik sind vorbei, die Instrumente
verbessert, die Technik verfeinert und das Vorgehen
standardisiert; trotzdem erreichen die meisten Operateure
nicht annähernd die Ergebnisqualität des Begründers der
Nasenchirurgie. Man erklärt das gerne mit mangelnder oder
schlechter Ausbildung; da Joseph aber keine Ausbildung
(für Nasenoperationen) hatte, könnte es auch an etwas
anderem liegen: Talent.
Die hier gezeigten Bilder stammen aus dem Lehrbuch
Jacques Josephs: „Nasenplastik und sonstige
Gesichtsplastik, nebst einem Anhang über Mammaplastik “
erschienen im Verlag von Curt Kabitzsch, Leipzig, 1931.